Osmanisches Reich
Osmanisches Reich

Das osmanische Heerwesen I

Sultan Süleyman I in der Moldau 1538

Gliederung des osmanischen Heeres

 

Das osmanische Heerwesen entwickelte sich seit Mitte des 15. Jh. in zwei grosse Bestandteile. Erstens die Zentral Truppen am osmanischen Hof (Hohe Pforte) oder auch Pfortenunmittelbare Truppen (kapikulu), der Name leitet sich von Pforte (kapi) und Militärsklave (kul) ab, und  zweitens die Provinztruppen der osmanischen Sandschaks, oder, da sie zum Grossteil aus Lehens- trägern mit einem zugewiesenen Land bestanden auch Lehensaufgebot (ejalet askeri). Die Zentraltruppen waren besoldet und kaserniert und unterstanden der Kommandogewalt der Zentralregier- ung. Teile dieser Truppen, insbesondere die Janitscharen, wurden auch als Festungsbesatzungen im Reich eingesetzt. Die Anzahl der Zentraltruppen variierte vom 16. Jh. anfänglich 20.000 bis zum Anfang des 17 Jh. auf  80.000 Mann. Bei den Provinztruppen handelte es sich vor allem um Kavallerie die durch die Vergabe von Lehen (timare) versorgt wurden. Andere Provinzialeinheiten wurden entweder besoldet oder taten als Freiwillige mit Anrecht auf Beute ihren Dienst. Die Gesamtzahl der eigentlichen Lehensträger bestand in der ersten Hälfte des 16 Jh. aus 40.000 (spahis) und deren Verpflichteten (cebeli) auf zirka 60.000 was eine Gesamtstärke von 100.000 Mann aufweist. Anfang des 17. Jh. hatte sich das Bild radikal geändert und es existierten  noch 16.000 Timare, also zirka 41.000 Spahis und Cebelis. Somit errechnet sich ein Truppenbestand zum Ende der Regierungszeit von Sultan Selim I auf 140.000 Mann und in der zweiten Hälfte des 16 Jh. auf zirka 250.000 Mann. Zwar blieb die Anzahl zum Ende des 17 Jh. auf der vorgenannten hohen Gesamtstärke, dennoch hatte sich der Schwerpunkt vom Provinzial- zum Zentralaufgebot bzw. zur Besoldung deutlich geändert. Die Folge dieser unheilvollen Änderung gerade bei der Timar Vergabe, waren nicht nur die Zahlreichen Aufstände der Landlosen ehemaligen Spahis, die sogenannte Celali-Aufstände, sondern auch der massive Verlust dieser kampftüchtigen Truppe. Die dadurch fehlende Provinzkavallerie wurde durch angeworbene und besoldete oder teilweise irregulären sekban- bzw. sarica Truppen besetzt, doch ohne den tatsächlichen Kampfeswert der ehemaligen Spahis. Somit sehen wir, dass die Masse der Armee Anfang des 16 . Jh. aus der belehnten Provinzkavallerie, nämlich den Timarinhaber, bestand, deren Bezahlung durch Landvergabe erfolgte und somit die Staatsausgaben nicht in Form

von tatsächlich Soldzahlungen belastete. Anfang des 17. Jh. hatte sich der Schwerpunkt zu den bezahlten Zentraltruppen verschoben und eine sprunghafte Zunahme der Staatsausgaben durch Soldzahlungen verursacht. Die Zunahme gerade der Janitscharen als Infanterie verlangsamte gleichzeitig die Bewegung des Heeres was zu höheren Versorgungsleistungen und Versorgungsfahrzeugen führte und die ehemals vorteilhafte Geschwindigkeit der Armee und damit des Aktionsradius beeinflusste.

 


Die beiden ersten Schaubilder verdeutlichen die tatsächliche Schwerpunktverschiebung in der Osmanischen Armee innerhalb von 100 Jahr. Murphey, Rhoads: Ottoman Warfare 1500-1700, New Brunswick 1999 S. 36 ff.

Pfortenunmittelbare Truppen (Zentral Truppen) ( kapikulu)

1. Besoldete Zentral Kavalleri

Spahis 17 Jh.

In der zweiten Hälfte des 15. Jh. etablierte sich neben den Provinzkavallarieeinheiten vor allem die besoldeten Kavallerieeinheiten am Hof des Sultans. Unter Mehmed II rekrutierte sich diese Kampftruppe aus Mitgliedern der Palastschule oder von Söhnen hoher Würdenträger. Diese Schüler der Palastschule waren wiederum aus der “Knabenlese”(devsirme) hervorgegangen. Zu Beginn des 16 . Jh. befanden sich in der Hauptsache sogenannte “Militärsklaven” (kul) innerhalb dieser Gardetruppen. In der Zeit von Mehmed II bis zur Endzeit der Herr- schaft Süleyman I bestand dieser Truppenteil (sipahi und silahtar) aus zirka 10.000 Reiter, die kaserniert und jederzeit als stehendes Kernheer verfügbar waren. Im einzelnen setzte sich die Zentral Kavallerie aus 6 unterschiedlichen Garderegimenter (alti bölük haki) zusammen. Die Osmanen unter- teilten die einzelnen Regimenter in sogenannte (bölük), die aus zirka 1.000 Soldaten bestanden. Die Regimenter wiederum gliederten sich in Kompanien sogenannte (ortas) die aus zirka 60 - 100 Soldaten bestanden.


1.1. Sipahi-Burschen (sipahi): Bei diesem schon aus der Zeit Murad I stammenden Garderegiment handelte es sich um Kinder von Würdenträger oder jungen Kriegsgefangenen, oder im Kriegshandwerk begabten Pagen. Das Regiment unterstand im Kriegsfall dem (Sipahilar Aga) und führte eine rote Standarte an der Seite des Sultans. Unter Süleyman I betrug die Mannschaftsstärke ca. 2.000 Reiter, Anfang des 17 .Jh. wuchs die Zahl auf zirka 7.800 Reiter an. Die sipahi der Pforte waren in Friedenszeiten am Hof stationiert.

1.2. Waffenträger (silahdare): Die Waffenträger haben sich aus der engsten Umgebung des Sultans gebildet und sind für seinen persönlichen Schutz zuständig. Die Waffenträger sind begabte Pagen bzw. Schüler der Palastschule. Das Regiment unterstand im Kriegsfall dem (Silihdar Aga) und führte eine gelbe Standarte und rote Mützen an der Seite des Sultans. Aus den Reihen der Waffenträger wurde gerne sogenannte “Tschausche” (cavus) ernannt. Eine der Aufgaben der Waffenträger war das Aufstellen der Roßschweife des jeweiligen Befehls- haber sowie deren Bewachung. Unter Süleyman I betrug die Mannschaftsstärke zirka 1.500 Reiter, an Ende des 17. Jh. um die 6.000 Reiter. Die Waffenträger waren ebenfalls am Hofe stationiert.


1.3. Söldner des rechten Flügels (ulufeciyani jemin): Diese relativ kleine besoldete Truppe bewachte die Kriegskasse. Sie kämpften an der Seite der Sipahi-Burschen und Waffenträger. Ebenso fungierten sie unter dem Kommando eines Tschausches als Polizeitruppe, insbesondere für hohe Würdenträger. Die Standartenfarbe war grün. Der Anfangsbestand dieser Reiter lag bei 500 Reiter, und Anfang des 17. Jh. lag die Truppe bei zirka 2.000 Reiter.


1.4. Söldner des linken Flügels (ulufeciyani jessari): Diese relativ kleine besoldete Truppe bewachte die Kriegskasse. Sie kämpften an der Seite der Sipahi-Burschen und Waffenträger. Ebenso fungierten sie unter dem Kommando eines Tschausches als Polizeitruppe insbesondere für hohe Würdenträger. Die Standartenfarbe war grünweiß gestreift. Der Anfangsbestand dieser Reiter lag bei 500 Reiter und Anfang des 17. Jh. lag die Truppe bei zirka 1.500 Reiter.


1.5. Fremde des rechten Flügel (gurebai jemin): Dieses Regiment wurde zu Beginn des 15. Jh. aus Fremdlingen aus den arabischen und persischen Gebieten rekrutiert als Freiwillige oder Kriegsgefangene. Sie stand an der Seite der Söldner des rechten Flügels und hatten die Bewachung der heiligen Fahne als Hauptaufgabe, ebenso wie gefährliche Missionen der Gardekavallerie. Die Gesamtstärke der Fremdlinge variierte zwischen 200 - 1.500 Reiter.


1.6. Fremde des linken Flügel (gurebai jessari): Dieses Regiment wurde zu Beginn des 15. Jh. aus Fremdlingen aus den arabischen und persischen Gebieten rekrutiert als Freiwillige oder Kriegsgefangene. Sie stand an der Seite der Söldner des linken Flügels und hatten die Be- wachung der heiligen Fahne als Hauptaufgabe, ebenso wie gefährliche Missionen der Gardekavallerie. Die Gesamtstärke der Fremdlinge variierte zwischen 200 - 2.000 Reiter.

2. Besoldete Infanterie

Festaufzug Janitscharen 16 Jh.

Schon unter Murad I bestand die Organisationsform der besoldeten Infanterieeinheit, die direkt dem Sultan am Hof unterstellt war. Die Rekrutierung erfolgte in der Anfangszeit seit dem 14 Jh. bis ins 16 Jh. aus christlichen Kindern, die durch das Knabenlesesystem (devsirme) ausgesucht wurden. Zu Beginn dieser Einrichtung zählte diese Einheit nie mehr als 10.000 Soldaten. Zum Ende der Regierungszeit Süleyman I war ein Mannschaftsbestand von unge- ähr 20.000 Soldaten vorhanden. Um 1630 zählten die Janitscharen fast 80.000 Soldaten.


Die Janitscharen bildeten ein eigenes Armeekorps (ocak), das wiederum in drei ungleiche Divisionen unterteilt wurde. Insgesamt bestand das Korps aus 165 Regimentern bis Süleyman I und steigerte sich sehr schnell auf 196 Regimenter die bis zur Auflösung der Janitscharen 1826 existierten. Der Grossteil der Regimenter (ortas) nannte man 1. (cemaat) was soviel wie die eigentlichen Janitscharen bedeutet. Eine kleinere Anzahl nannte man 2. (sekban) oder Hundewächter, da diese Soldaten aus dieser ursprünglichen Aufgabe sich rekrutierten und die restlichen Einheiten nannte man 3. (aga böluk) Hellebardiere, da sie vor allem Wachdienste verrichteten. Der Nachwuchs dieser fest besoldeten landesweiten Zentralinfanterie wurde in einem extra Rekruten bzw. Kadettendivision ausgebildet (acemi ocaci )



3. Besoldete und Belehnte technische Truppen

Gardekavallerie, Janitscharen und Artilleristen in der Schlacht bei Mohács 1526

3.1. Waffenschmiede (cebeci): Diese Einheit, bestehend aus mehreren (ortas) war für die Fertigung, Entwicklung und Bereitstellung der Armeebewaffnung zuständig. Die schon im 14 Jh. entwickelte Arsenaltruppe zählte Anfangs nicht mehr als 700 Mann und wuchs bis ins 17 Jh. auf zirka 6.000 Mann an. Dies lag vor allem an der Zunahme der technische Ausrüstung bzw. Bewaffnung der Heere im 17 Jh. Die Leitung dieser Truppe lag beim (Dschebedschibaschi).


3.2. Artilleristen (topci): Die osmanische Artillerie, die zu den ältesten Artillerieeinheiten der Welt zählt, wurde vor allem von Mehmed II gefördert. Anfangs bestand diese Einheit aus europäischen Kriegsgefangenen oder christlichen Renegaten die bis Anfang des 17 Jh. mit der technischen Entwicklung in Zentraleuropa problemlos mithalten konnten. Anfänglich aus einigen tausend Mann bestehend, wurde diese Einheit im Zug der Wichtigkeit der Artillerieeinheiten auf zirka 10.000 Mann aufgestockt. Die Ausbildung dieser Einheiten erfolgte bis ins 16 Jh. an der Palastschule und ab dem 18 Jh. an einer der ersten Militärakademien im Osmanischen Reich. Die Leitung dieser Truppe lag beim (Topdschibaschi).


3.3. Artilleriefuhrtruppe oder Protzentruppe (top arabaci): Während die Artilleristen zu Fuss ihren Dienst verrichteten, war die Protzen- truppe beritten. Sie war für den Transport der Geschütze und später für den gesamten Train der Armee zuständig. Im Friedensfall war diese Truppe eher eine Kadereinheit die im Kriegsfall Gespannpersonal rekrutierte auch unter den christlichen Untertanen. Ebenso wie die Artilleristen wuchs die Anzahl der Protzentruppe von einigen hundert auf  bis zu 3.000 Mann Kadertruppe ohne rekrutierte Söldner. Die Leitung dieser Truppe lag beim (Toparadschibaschi).


3.4. Bombardiere (kumbaradci): Das Wort Bombardiere leitet sich von dem Begriff  Wurfgeschoß oder Bombarde ab. Im Osmanischen Reich wurde diese Einheit vor allem bei der Unterminierung von Festungen eingesetzt, um durch Explosionen die gegnerische Festungweke zu zerstören und als Bedienmanschaften von Mörser.  Diese überaus gefährliche Arbeit wurde lange Zeit nicht durch Geld besoldet, sondern in Form von Militärlehen. Während unter Süleyman I zirka 300 belehnte Soldaten diese Aufgabe durchführten verdoppelte sich im 18 Jh. die Anzahl diese Truppe. Die Leitung dieser Truppe lag beim (Kumbaradschibaschi).


3.5. Minengräber (laghumdci): Diese Einheit, die auf Selim I zurück geht, bestand aus zwei unter- schiedlichen Einheiten. Zum Einen die tatsächlichen Minengräber, die für das Anlegen von Minen zur Zerstörung gegnerischer Festungswerke zuständig waren und zum Anderen die sogenannten Feld- messer oder Genieeinheiten die militärtechnische Arbeiten planten und leiteten. Auch diese Einheit bestand Langezeit aus

 

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